ACHTSAMKEIT

"Achtsamkeit" wird in unserer Umgangssprache von "Aufmerksamkeit" kaum unterschieden. Meiner Erfahrung nach ist alltagspsychologisch mit Achtsamkeit am ehesten eine erhöhte und dabei vielleicht auch noch absichtliche, "bewusste" und damit gezielt gelenkte und kontrollierte, ansonsten aber gewöhnliche oder "normale" Aufmerksamkeit gemeint.

Allerdings ist schon diese selbstbestimmte und selbstgesteuerte Aufmerksamkeitsleistung durchaus bemerkenswert! Sie geht nämlich mit wacherer und damit "bewussterer" Wahrnehmungsbereitschaft einher und damit auch mit einer besseren Selbst- und Fremdbeobachtung. Diese wiederum ermöglicht eine "selbstbewusstere" und umsichtigere Willensbildung, eine realitätsgerechtere Selbststeuerung sowie ein schnelleres, flexibleres und einer Situation besser angemessenes - "bewusstes"... - Handeln.

Wie hier von mir beschrieben finden sich in der buddhistischen Literatur dagegen viele Angaben (vor allem im Kapitel über "Achtsamkeit und Konzentration" des Buches von Henepola Gunaratana Die Praxis der Achtsamkeit), die nahelegen, dass es eine Aufmerksamkeitseinstellung gibt, die breiter oder weiter, offener und "umfassender" ist als die gewöhnliche Aufmerksamkeitshaltung! (Siehe dazu Sati und geistige Weite von Analayo, die detaillierten psychologischen Erläuterungen in den beiden Büchern des Bewusstseinsforschers Charles Tart, die hier angezeigt sind, oder den kürzeren Überblick von Akincano Marc Weber hier).

Danach wären zwei Aufmerksamkeitseinstellungen voneinander zu unterscheiden: die normalerweise beschränkte Aufmerksamkeit mit ihrem mehr oder weniger eng begrenzten Fokus (wegen dem Charles Tart sie in seinem hier angezeigten Buch übrigens generell als Trance bezeichnet, als Alltagstrance und - aus bestimmten Gründen - auch als Konsensustrance!) von der weit-offenen Aufmerksamkeitshaltung der unbegrenzten Achtsamkeit!

Für diese, auf das gesamte "Panorama" der realen Wahrnehmungsfülle erweiterte Aufmerksamkeitseinstellung kennt Akincano M. Weber auch die Bezeichnungen "Geistesgegenwart" und "Gewahrsein". Besonders der erste Begriff legt wegen seiner schillernden Bedeutung in der Alltagssprache allerdings noch so viele andere Assoziationen nahe, dass für das Gemeinte vielleicht der eher selten gebrauchte Begriff "Gewahrsamkeit" geeigneter wäre - auch als der nun mal "üblich" gewordene Begriff der "Achtsamkeit"...

In der Sommerausgabe 2008 des Magazins Connection-Spirit habe ich mich bemüht, den Unterschied zwischen beiden "geistigen" Haltungen zu erläutern. Ein Echo darauf ist die Auseinandersetzung der Schriftstellerin Vera Simon mit dem Thema in ihrem Blog hier.